prick, prick, boom
März 1988, 22.30 Uhr, Nervenklinik der Charité in Ost-Berlin: Eine junge Frau hält eine Spritze an den Hals einer Krankenschwester. «Ich bin doch eine Frau, oder was meinen Sie?» hatte sie an ihrem ersten Tag auf der Station gefragt. Jetzt stehen drei Polizisten und eine Chefärztin vor der Tür ihres Zimmers. Die Ärztin dokumentierte ihre Antwort nicht. Sie dokumentiert auch nicht, ob die junge Frau mit der Nadel Widerstand übt oder Rache, ob sie Vergeltung will, Chaos, oder die Antwort auf ihre Frage.
Rage ist unfreiwillig. Wer sie fühlt, kann von ihr verzehrt werden und jene verletzen, die sie nicht teilen. Rage ist Bruch, Begehren und Zeichen der Unvereinbarkeit von Realität und der eigenen Existenz. Wenn Rage uns verbindet, entsteht Bewegung. In «prick, prick, boom» beschwören vier Performer*innen Körper jenseits der Vernunft. Sie hören auf, auszuweichen, sich zu ducken, zu entschuldigen und erträumen sich Militanz und Wut ohne Konsequenz. Berlin ist ein historischer Schauplatz von Kriminalisierung und Auslöschung queeren Lebens, von der Behinderung queerer Kollektivität. Dokumentationen des Ungehorsams finden sich in Archivkisten und Akten, zwischen den Zeilen in Entlassungsberichten, Festnahmeprotokollen und Zeitungsannoncen.
Lou Thabart, Paula Pau, Adrian Marie Blount und River Roux üben Entgleisung als Widerstand. Handtaschen werden zu Schlagwerkzeugen, High Heels zu Projektilen, Zöpfe zu Peitschen. Ruhig bleiben ist ausgeschlossen und Geduld kann sich keiner mehr leisten. «Gebeten habe ich bereits, fordern kann ich nicht», schrieb die junge Frau auf der Station. Was liegt jenseits der Bitte?
River Roux (geb. 1993) wuchs zwischen Frankreich und Deutschland auf und verbrachte ihre Jugend in Freiburg im Breisgau. River Roux studierte Fotografie an der University of Brighton. Sie ist Performancekünstlerin und Zirkusperformerin. Von 2021 bis 2023 war sie Teil des Berlin Stripper’s Collectiv und entwickelte performative, feministische Arbeiten für Bühnen, Festivals und Clubs. Ihre künstlerische Arbeit ist geprägt von vielfältigen beruflichen Erfahrungen und beschäftigt sich mit Themen wie Arbeit, Care und Sex.
Am 14.5 um 22:00 findet ein Artist Talk mit River Roux gemeinsam mit DDCP im Festivalzentrum statt. Der Talk wird live auf Radio Rabe übertragen.
Einfach gesagt
Eine junge Frau stellt in einer Klinik eine wichtige Frage über ihre Identität, bekommt aber keine Antwort und wird stattdessen kontrolliert und überwacht. Das Stück zeigt, wie Wut und Widerstand entstehen können, wenn Menschen nicht gesehen, nicht gehört und unterdrückt werden.
Für Menschen mit Mobilitätsbehinderungen
Das Schlachthaus Theater ist barrierefrei zugänglich und verfügt über ein barrierefreies WC. Im Saal des Schlachthaus Theater gibt es in der vordersten Reihe ebenerdige Rollstuhlplätze.
Sitzsäcke
In der vordersten Reihe liegen Sitzsäcke bereit, auf die man sich setzen kann. Es stehen alternative Sitzgelegenheiten (Sitzkeile, Kissen, etc.) zur Verfügung.
Content Notes
Diese Produktion befasst sich mit Diskriminierung gegenüber BPoC, Trans- und gender non-conforming Menschen sowie neurodivergenten Menschen.
Die Produktion enthält Referenzen zu Gewalt und sexueller Gewalt, Tod, Psychiatrie und der Verwendung psychiatrischer Fachsprache. Ausserdem sind Spritzen/Nadeln sichtbar.
Die Produktion enthält sexuelle Inhalte, darunter inszenierte einvernehmliche sexuelle Handlungen.
Sensorische Reize
Laute Geräusche und Töne
Schweres Atmen
Rufen
Flüstern
Blitzlichter
Stroboskoplichter
Momente der Dunkelheit
Blackout
Bühnennebel
Dunst
Energiegeladene Vorstellung
Körperflüssigkeiten
Social Story
Social Stories werden als Hilfsmittel eingesetzt, um Personen auf eine öffentliche Veranstaltung wie eine Theatervorstellung vorzubereiten. In unseren Social Stories finden Sie für die Vorstellungen eine genaue Beschreibung, welche Situation Sie am Spielort erwartet und welche Gepflogenheiten dort gelten. Das PDF zur Social Story von «prick prick boom» finden Sie hier.
Special Check-In
Bei uns haben Sie die Möglichkeit eines Special Check-In. Falls Sie aus irgendeinem Grund das volle Foyer meiden möchten, einen spezifischen Sitzplatz benötigen, wegen einer Einschränkung in der Mobilität Unterstützung brauchen oder gerne an der Busstation abgeholt werden möchten, melden Sie sich bitte vorher bei uns. Jemand vom Team wird Sie nach Ihren Bedürfnissen begleiten.
Anmeldung: checkin@auawirleben.ch
Access Friend
Im Schlachthaus Theater begrüssen Access Friends das Publikum und stehen vor, während und nach den Vorstellungen zur Verfügung. Diese Personen tragen violette Westen. Fragen zu Barrierefreiheit können den Access Friends direkt gestellt werden.
- Co-Kreation
- River Roux und Bibiana Mendes
- Performance
- River Roux, Lou Thabart, Adrian Marie Blount und Paula Pau
- Dramaturgie
- Lili Hering
- Bühne
- Simeon Melchior
- Musik
- Adrian Marie Blount
- Kostüm
- Djuna Reiner
- Produktion
- Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin